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Sieben Wochen ohne…Konsum!

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Wie jedes Jahr sind die sieben Wochen vor Ostern für mich eine besondere Zeit. Ich mache regelmäßig mit bei der Aktion der evangelischen Kirche „Sieben Wochen ohne.“ Die Passionszeit ist die Fastenzeit in der Westkirche. Traditionell wird 40 Tage lang auf Fleisch, Alkohol, Eier und oft auch auf Milchprodukte verzichtet. Die Zahl 40 erinnert an unterschiedliche Begebenheiten in der Bibel zum Beispiel die 40 Tage, die Mose auf dem Berg Sinai verbrachte oder die 40 Jahre, die das Volk Israel durch die Wüste zog.
Ich nehme diese Zeit als Anlass, um alltägliche Routinen zu durchbrechen und auch mal was Neues auszuprobieren. Häufig lassen sich solche neuen Verhaltensweisen dann auch auf das restliche Jahr übertragen. Ich verzichte meist auf Fleisch (dadurch probiert man jede Menge neuer vegetarischer Gerichte aus), Kaffee (das ist wirklich furchtbar, ich versuche tolle Teesorten als Alternative zu kaufen, aber das ist nur ein schwacher Trost!), Süßes (Heul!) und Alkohol (ja, das Leben ist trotzdem in diesen sieben Wochen lebenswert…). Die Sache mit dem Kaffee ist wirklich mit körperlichem Leiden verbunden, denn man bekommt Kopfweh, ist furchtbar müde und hat mega schlechte Laune. Mein Kollege hat während der schlimmsten ersten drei Tage mal zu mir gesagt: „Maria, bitte geh nach Hause!“. Nun ja, dieses Jahr lasse ich das Fasten von Kaffee sein. Ist besser für meine Mitmenschen – da bin ich ganz sozial.
Das Motto der diesjährigen Aktion „Sieben Wochen ohne“ ist, das Unverwechselbare zu entdecken und zu feiern. „Du bist schön“ steht auf dem diesjährigen Fastenkalender:
„Wir wollen die Schönheit suchen, würdigen und feiern, vor allem da, wo sie sich nicht herausputzt und in Pose wirft. Und wo wir sie gelegentlich über¬sehen: weil sie nicht den gängigen Ma߬stäben entspricht oder einfach weil wir mit der eigenen Selbst¬optimierung beschäftigt sind. Was verstellt uns immer wieder den Blick für die Pirouetten der Natur, die schönen Schnörkel des Alltags und den liebenswerten Wirbel in der Stirn unserer Liebsten?“
Die schönen Schnörkel des Alltags zu entdecken finde ich eine wirklich gute Sache. Jawohl, lasst uns die schönen und unvollkommenen Schnörkel des Alltags feiern! Ich kann nur sagen, dass es gut tut, mal was anders zu machen. Dabei muss man ja auch nicht unbedingt verzichten, man kann das Ganze auch umdrehen und einfach bestimmte Dinge MEHR machen: Freunde besuchen, in die Kirche gehen, der Nachbarin helfen oder was auch immer… „Joy is the best make up!“

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Ich habe mich zur diesjährigen Fastenzeit auch dazu entschieden, sieben Wochen lang nichts mehr zu konsumieren außer die Dinge, die man zum alltäglichen Überleben benötigt. Bei mir ist das vor allem Essen. Ich esse gerne und ja, auch viel! Ich hab mir vorgenommen, mein Essen noch häufiger frisch auf dem Markt und beim Bauernladen um die Ecke zu kaufen. Dann spart man sich auch den ganzen furchtbaren Plastemüll, in dem die Sachen aus dem Supermarkt eingepackt sind. Was ich nicht mehr kaufen werde sind Klamotten, Bücher (ich kaufe ständig Kochbücher! Hilfe!) und jeden anderen Schnickischnacki-Kram. Ich hab sowieso von allem genug und viel zu viel. Viel lieber möchte ich das, was ich habe, neu kombinieren und umgestalten nach dem Motto: Consume less, create more! Ich hab mir auch fest vorgenommen, Dinge, die ich nicht mehr brauche, auf dem Flohmarkt zu verkaufen oder zu verschenken…
Bei den Konsumabstinenzlern handelt es sich um eine neue Bewegung oder zumindest um einen neuen Trend. Wer mehr darüber erfahren will, findet Infos in diesem Artikel und auf dem Blog Culture of Less.
Mir ist schon klar, dass weniger und damit zusammenhängend auch nachhaltiger Konsum wieder was ist, was sich vor allem die Wohlstandsgesellschaft leisten kann. Denn häufig geht das einher mit einer Art digitalem Lebensstil, der die Shared Economy überhaupt erst ermöglicht. Dennoch finde ich es eine wichtige Sache weniger oder zumindest bewusster zu konsumieren. Häufig geht diese Forderung auch einher mit einer anderen Perspektive auf unsere Arbeitswelt, denn wer weniger konsumiert, benötigt weniger Geld und muss deshalb auch weniger arbeiten. Wer nicht das eigene Haus mit Garten und passendem Kombi (wahlweise Sportwagen) als Lebensziel verfolgt, der muss auch weniger Geld sparen und deshalb nicht notwendigerweise die vielbeschworene Karriereleiter im Blick haben. Die Generation Y hat das ja offensichtlich sowieso nicht. Die gut ausgebildeten dieser Generation seien nicht mehr mit Status und dickem Auto hinter der Ofenbank hervorzulocken! So pikieren sich zumindest derzeit die Personaler im Land. Die Generation Y sitzt lieber auch mal auf der Ofenbank. Ich finde das prinzipiell eine gute Entwicklung, denn das bedeutet auch, dass man Karrierewege neu definieren muss. Es werden zukünftig nicht mehr nur die 60-Stunden Wochen zählen. Ich glaube beides ist möglich, muss möglich werden: zufrieden in einem herausfordernden Beruf sein und mehr Zeit zu haben für was auch immer. Das wäre vor allem auch für die vielen hervorragend ausgebildeten Frauen, die sich wieder mehr für Familie entscheiden, eine gute Nachricht. In diesem Sinne: STOP THE GLORIFICATION OF BUSY….and start the revolution (mehr dazu im Haus Bartleby: Zentrum für Karriereverweigerung).

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