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Möbel im Geiste der Maschine

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Diesen Post habe ich schon eine ganze Weile im Kopf, aber es hat etwas gedauert, bis ich ihn aufgeschrieben habe, denn er war mit etwa Recherche verbunden. Den Ausschlag für diesen Post gab mir ein Museumsbesuch im Pillnitzer Schloss in Dresden, denn dort bin ich in das Schaudepot der Deutschen Werkstätten Hellerau hineingeraten…

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…und stand plötzlich vor meinen Möbeln, die ich zu Hause habe. Das war ein ziemlich merkwürdiges Gefühl und eine ganz neue Perspektive, wenn man seine Möbel als Museumsstück betrachtet…

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Der Besuch hat mich inspiriert, mich etwas ausführlicher mit der Designtheorie der 50er und 60er Jahre zu beschäftigen. Die Möbelwerkstätten in Hellerau, wo meine Möbel gefertigt wurden, sind aus einem Zusammenschluss von Handwerkern, Malern und Architekten Ende des 19. Jahrhunderts entstanden. Solche Werkstätten für Handwerkskunst gab es einige in Deutschland. Sie hatten das Ziel, den neuen Herausforderungen der industriellen Möbelfertigung zu begegnen und moderne Möbel ohne aufwendigen Schmuck und mit einer einfachen Formsprache zu schaffen. Unter Verwendung von qualitativ hochwertigen Rohstoffen und einer sorgsamen Fertigung sollten für die breite Masse bezahlbare Möbel entstehen. Es war klar, dass dies nur durch eine maschinelle Fertigung von einer hohen Stückzahl erreicht werden konnte. So entstand ein „Möbelstil aus dem Geiste der Maschine“ und die Form wurde aus dem Arbeitsprozess heraus entwickelt.

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Das bekannteste Ergebnis dieses Arbeitsprozesses sind die in Hellerau entwickelten Additionsmöbel. Über die Grenzen der damaligen DDR hinaus wurde der 1956 vom Bauhaus-Schüler Franz Ehrlich entwickelte Typensatz 602 bekannt und zählt heute zu den DDR-Designklassikern, die vom Bauhaus inspiriert und am internationalen Design orientiert waren. Die minimalistischen Entwürfe zeichnen sich durch eine klare Linienführung aus, die nur für abgerundete Schubkästen unterbrochen werden. Bei dem Typensatz 602 handelt es sich um ein modulares System mit 15 „komplettierungsfähigen Einzelmöbeln“, die je nach Wunsch zusammengewürfelt werden konnten. Auf diese Weise wurde der Nutzer der Möbel auch gleichzeitig zu einem Gestalter, denn zu den Grundüberzeugungen des Bauhauses und der Deutschen Werkstätten Hellerau gehörte, dass sich die Architektur und die Gestaltung dem schöpferischen Einsatz derjenigen öffnen sollten, für die sie gedacht waren und hergestellt wurden. Möbelgestaltung wird zu einem kollektiven Prozess zwischen Herstellern, Designern und Nutzern erhoben. Derjenige, der den Gestaltungsprozess beendet, ist der Nutzer der Möbel und nicht der Hersteller. Aus dieser Serie habe ich verschiedene Teile bei mir zu Hause stehen u.a. Couchtisch, Schreibtisch und diverse Schränke:

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Allerdings kam die moderne Formsprache dieser Möbel bei dem Politkader sehr viel weniger gut an, als bei den Nutzern der Möbel. 1955 gab die Deutsche Bauakademie eine Schrift unter dem Titel „Anbaumöbel: Kritische Betrachtung“ heraus und setzte somit den Startpunkt für die sogenannte Formalismusdebatte. Dabei wurden vorindustrielle Formideale der Möbelgestaltung hochgehalten und die Additionsmöbel als Ausdruck des „Verfalls der künstlerischen Anschauungen“ im Kapitalismus deklassiert. Diese Perspektive hat ihren Ursprung in der Orientierung an das stalinistische Modell von Kultur- und Kunstpolitik, bei der Kultur und Kunst zu Medien einer ideologischen Abgrenzung von westlichen Gesellschaftsmodellen betrachtet werden. Die Formästhetik der Additionsmöbel wie dem Typensatz 602 war in den Augen der politischen Elite „nicht gestaltungsfähig“. Die Dekorlosigkeit der Möbel verhindere jegliche Differenzierungsmöglichkeit und leiste somit dem Kosmopolitismus Vorschub. Mit dieser Argumentation, die Möbel zu einem Symbol nationaler Identität machen sollte, wurde die Produktion des „kosmopolitischen“ Typensatzes 602 recht schnell wieder eingestellt. Mit der von der SED-Führung eingeleiteten Formalismusdebatte setzte ein faktisches Verbot des produktiven Aufhebens des Bauhauserbes in der DDR ein, das erst in den 1970er Jahren aufgebrochen wurde.
Als Quellen für diesen Post habe ich die Erläuterungen in der Schaustellung in Pillnitz sowie folgende Bücher verwendet: Höhne, G. (2007). Das große DDR-Lexikon. Köln: Komet; Höhne, G. (2009) (Hg.). Die geteilte Form: Deutsch-deutsche Designaffären 1949-1989. Köln: Fackelträger.

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Gelenka-Sessel – Mein schönster Dachbodenfund

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Jahrelang schlummerten drei wahre Möbelschätze auf dem Dachboden meiner Eltern. Zuvor haben sie viele Jahre im Keller meiner Großeltern zugebracht. Irgendwann sagte meine Mutter zu mir, dass auf dem Dachboden alte Sessel rumständen, die mir sicher gefallen würden. Ich hab sie mir beim nächsten Besuch gleich angeschaut und war verzückt von diesen ziemlich charmanten Holzsesseln. Sie mussten natürlich abgeschliffen und neu gestrichen werden, aber das erledigte sich mit Leichtigkeit. Denn es war klar, dass sie von nun an zu unseren Lieblingsmöbelstücken gehören würden. Sie sahen besonders aus, denn die Sitzfläche und die Stuhllehne sind aus unzähligen beweglichen Holzfedern gearbeitet (was für einen enormen Sitzkomfort sorgt, da sich der Sessel dadurch dem Körper anpasst).

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Nach etwas Internetrecherche konnte die Herkunft der Sessel bestimmt werden. Es handelt sich um Gelenka-Sessel nach einem Entwurf des Bauhaustischler Erich Dieckmann. Gelenka war eine kleine Möbelmanufaktur in Thüringen, die Möbelentwürfe des Bauhaus in Weimar standardisiert produziert hat. Wahrscheinlich stammen die Stühle aus den 1930er Jahren. Dieckmann leitete in Weimar die Möbelwerkstätten. Er beschäftigt sich in dieser Zeit mit standardisierten Holzsitzmöbeln. Typisch dabei ist eine Kufenkonstruktion, durch welche die Armlehne und das Stuhlbein miteinander verbunden sind. Das kann man sehr gut an meinen drei Exemplaren sehen.

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Ich mag die diese drei Sessel wirklich gern. Damit sie noch etwas gemütlicher werden, habe ich bei einem Schäfer medizinisch gegerbte Schaffelle besorgt, die das Sitzvergnügen noch kuscheliger machen…